Um zu verstehen, ob es früher ähnliche Phasen gegeben hat, griffen die Wissenschaftler auf ein ungewöhnliches Archiv zurück: die fossilen Überreste sogenannter benthischer Foraminiferen – winzige einzellige Meeresorganismen, deren Gehäuse chemische Informationen über frühere Meeresspiegel gespeichert haben. Anhand dieser Daten ließen sich historische Schwankungen der Tageslänge mathematisch rekonstruieren
Tageslänge wächst zwischen 2000 und 2020 so schnell wie seit zwei Millionen Jahren nicht
Ergänzt wurde die Analyse durch einen modernen Deep-Learning-Algorithmus – ein sogenanntes physik-informiertes Diffusionsmodell –, das in der Lage ist, mit den großen Unsicherheiten von Paläoklimadaten umzugehen und dennoch robuste Aussagen zu treffen.
Das Ergebnis ist eindeutig: Zwar gab es während der Eiszeiten der vergangenen 2,6 Millionen Jahre immer wieder starke Schwankungen der Tageslänge durch das Anwachsen und Abschmelzen kontinentaler Eisschilde, doch der heutige Anstieg sticht klar hervor. „Nur einmal – vor etwa zwei Millionen Jahren – war die Veränderungsrate der Tageslänge fast vergleichbar“, sagt Kiani Shahvandi. „Aber nie zuvor oder danach hat die planetare Eiskunstläuferin ihre Arme so schnell ausgestreckt wie zwischen 2000 und 2020“, heißt es in einer Mitteilung der Universität Wien.